Vorerst wieder auf der toledanischen Couch gelandet, war es doch ein unerwartet turbulentes Wochenende. Wieso jetzt erst wieder in Toledo?
Freitagmorgen habe ich mich auf eine Anzeige für Marketing in Albacete beworben. Kurz darauf, vielleicht eine halbe Stunde später, kam eine email, man würde mich gerne zum Vorstellungsgespräch einladen und ich soll mich unter der Nummer XY melden. Das habe ich dann natürlich auch gemacht und hatte direkt für 17.30h am Freitag mein erstes Vorstellungsgespräch. Meine Aufregung war nahezu grenzenlos!
Merkwürdig fand ich dann, dass ich mich wie beim Friseur oder beim Arzt im Wartezimmer auf einen Klappstuhl setzen und erst mal warten durfte, bis ich an der Reihe war. Es saßen nämlich direkt noch 4 weitere Kandidaten dort. Der Raum war ein ehemaliger Telefonladen und so saß ich dort quasi im Schaufenster... naja.
Das Gespräch lief dann soweit ganz gut. Man erklärte mir, die Firma sei erst seit drei Wochen in Albacete, was zumindest die merkwürdigen Räumlichkeiten erklären könnte (wenn auch nicht wirklich) und man suche jetzt ein Team um eine neue Filiale in Albacete aufzubauen.
Na, wenn sich das mal nicht gut anhört, dachte ich mir.
Wenn ich denn interesse hätte, könnte ich am Mo direkt von 10-18h probearbeiten kommen und ab Di (also heute) fest anfangen.
Mensch, das läuft ja...
Gestern morgen, pünktlich vor der Tür wartend - ich hatte auch nur meinen Anzug an und keine dicke Jacke, da ich ja gar nicht damit gerechnet hatte in Albacete zu bleiben - wurden wir dann anfangs erst einmal erneut auf die Klappstühle verwiesen. Insgesamt waren wir 8 (wo waren die restlichen 57 der 65 ausgeschriebenen Stellen?) Personen, die dann nach und nach in 2-4er Gruppen aufgerufen wurden. Ein tierisch nach Alkohol stinkender 45jähriger, der nach mir kam und auf dem Klappstuhl rechts neben mir saß und ich waren dann die letzten, die aufgerufen wurden. Der Chef, der auch am Fr das Vorstellungsgespräch gehalten hatte, stellte uns dann Jerôme vor, einem gewieften Franzosen, der so aber einen recht symphatischen Eindruck machte.
Zu meiner Überraschung verließen wir, wie schon die anderen Gruppen auch, wieder das Gebäude. Ob die wohl schon mehrere Büros haben???
Erste Handlung des Tages: Kaffee trinken gehen. Aha. So funktioniert das hier in Spanien also...
Dann allerdings kam die (schon längst vermutete) Ernüchterung: Wir gehen von Tür zu Tür und verkaufen Telefonverträge!!! F****** WHAT?!?! Hausieren gehen?
Ich habe erst gedacht ich höre nicht richtig! Am Freitag wird mir noch was von "Marketing und Publicity" erzählt, jetzt verticke ich für Tele2 Festnetzverträge an der Haustür??? Ganz großes Tennis! Dazu kam ja, dass ich nur im Anzug unterwegs war und es richtig kalt draußen war! Igitt!
Die Gruppe trennte sich dann nach dem Kaffee und der stinkende Alki (genannt Manuel), Jerôme und ich zogen zusammen los. Wir sollten uns das einfach anschauen wie es funktioniert und daraus lernen. 50 EUR pro abgeschlossenem Vertrag Provision würde man uns netto zahlen. Von Festgehalt war immer noch keine Rede - ob das wohl noch kommt?
Dann ging es los.
Der Typ ist einfach in jedes Haus an jede Tür und hat jeder Person, die sich nicht direkt auf nen dicken Baum retten konnte, einen ins Ohr gedrückt um einen solchen Vertrag zu verkaufen.
Die Quote ist vorstellbar schlecht. Er meinte allerdings, dass das ganz normal ist (kann ich mir vorstellen) und er versucht pro Tag ca. 3-4 Verträge abzuschließen, was ja für ihn immerhin 150-200 EUR netto am Tag bedeuten würde.
Nach einer Weile fragte ich dann den Alki, ob er das schon früher gemacht hat und er meinte, es sei sehr lange her und nur was um anzufangen und er sei ja viel zu alt dafür und wenn sie ihm das vorher gesagt hätten und und und... und... ging Heim.
Den waren wir dann also los.
Ich war ja auch meilenweit entfernt, diesen Job ab dem Folgetag hauptberuflich nachzugehen, dachte mir aber, dass ich mir das zumindest am Probetag einfach mal komplett anschaue.
Der Punkt, an dem ich mich umentschieden habe, folgte recht bald:
wir sind in ein Haus mit offener Eingangstür, kaputten Mofas, Matrazen, Müll und alles war staubig reingegangen. Nur in der obersten Wohnung hat uns jemand geöffnet. Eine alte schmuddelig aussehende Frau mit nur noch wenigen Zähnen, die, wenn man es übersetzt, sowas wie "nix spanisch sprechen" von sich gegeben hat (den genauen Wortlaut weiß ich allerdings nicht mehr). Sie rief dann kurzerhand nach jemandem namens Roxanna. Ein Mädchen, vielleicht 14-15 Jahre alt, erschien in der Haustür.
Sie erklärte uns, dass sie weder Telefon noch Internet haben. Standardantwort. Darauf folgt die Frage, ob sie denn darüber nachdenken sich welches zuzulegen. Da Mädchen, im voll chatfähigen Alter, bekam natürlich sofort leuchten in den Augen und meinte, dass sie das auf jeden Fall will!!
So hat er also sein erstes Opfer bei den Rumänen gefunden, dachte ich so bei mir...
Der Vertrag wurde ausgefüllt. Bis zu dem Punkt, wo es um die Bankverbindung ging. Gab es keine. Jerôme war verwirrt. Wie, gibt es nicht? Jeder hat doch ein Bankkonto, oder nicht?
Ohne Konto (die Großeltern hatten laut Angabe von Roxanna auch keins, was mich nicht wundert), kann man keinen Vertrag abschließen. Roxanna versprach daraufhin hoch und heilig, am gleichen Vormittag noch zur Bank zu gehen und ein solches Konto zu eröffnen. Wir würden dann gegen 14h nochmal wiederkommen.
Danach lief alles wie vorher auch weiter - ohne besondere Vorkommnisse. Ich habe dann, als es um die Frage der Mittagspause ging, Jerôme auch einfach mal gefragt, ob er vielleicht daran gedacht hat, dass das Mädchen gar nicht volljährig ist und den Vertrag gar nicht abschließen kann. Oh oh! Panik trat in seine Augen! Das ist wahr, meinte er. Da habe er gar nicht dran gedacht. Er hätte gedacht das Mädchen sei 18 Jahre alt. Aha. So macht man das also. Man unterstellt das einfach stillschweigend und gut ist. Muss ich mir merken!
Dann meinte ich, ob er denn überhaupt glaubt, die würde ein Konto eröffnen? Na klar! Warum denn nicht? Ich hätte doch gesehen, dass sie gerne Telefon und Internet will. Jo, hab ich gesehen... Welches Mädel in dem Alter will das denn bitte nicht???
Ich meldete meine Zweifel offen an, was mir aber nur einen kritischen Blick einbrachte.
Um 14h sind wir dann wieder zu Roxanna gegangen (sie möge es mir übrigens verzeihen, falls ich den Name falsch schreibe - auch wenn sie das wahrscheinlich nie lesen wird und es dann auch noch auf deutsch ist...). Wie sollte es auch anders gewesen sein: Sie hatte kein Konto eröffnet.
Surprise - surprise!
Er hat ihr dann noch bis zum nächsten Morgen Zeit gegeben und ich bin ja doch ein wenig neugierig, was jetzt letztendlich daraus geworden ist.
Mein Entscheidung war jedenfalls gefallen! Ich will nicht anderen Leute auf's übelste auf die Klöten gehen, denen Zeug verkaufen, das sie eh schon haben und einfach JEDEN, aber wirklich JEEEEDEEEEEEN anzuquatschen. Das ist nicht mehr Ding - nicht meine Welt! Dazu kommt, dass man bei jeglichem Wetter ständig draußen auf der Strasse rumläuft.
Mir war es nachher echt peinlich bei den Leute zu klingeln und zu klopfen. Die eine Tür war noch nicht zu, da klingelt der schon an der nächsten usw.
Ich habe dann den Bus um 16h zurück nach Toledo genommen und eine Email als Absage geschrieben. Die Suche geht also weiter und ich bin um eine Erfahrung reicher geworden.
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